Liebesgrüße aus Monaco
(Der Mann, den sie Bond nannten)
Kapitel 004: Theme – You Only Live Twice
Am Hafen angekommen war ich doch erstmal zutiefst beeindruckt. Selbst verglichen mit unseren Raumgleitern wirkte die Disco Volante riesig. Die Disco Volante ist so ungeheuerlich monströs, dass die Abgase nicht über einen Kamin, sondern einen eigens dafür aufgesetzten Vulkan freigesetzt werden. 22 Stockwerke über Deck und vielleicht noch genau so viele nach unten. Durch eine geheime Luke am Heck schlängelte ich mich erst mal ins Innere der Yacht. Netterweise lagen neben dem Einstieg noch Werbefyler zu dieser schwimmenden Festung aus: „GRÖßENWAHN UND MACHTGEILHEIT SIND FÜR DICH KEIN FLAX, DANN LASSE DIE BILLIONEN SPRINGEN UND GEH ZUR WERFT VON HUGO DRAX.“ Endlich mal ein Werbeslogan mit Niveau und die Konstruktionspläne liegen auch noch bei, was für ein ungewohnter Service.

Disco Volante: Blofelds schwimmende Festung und Schaltzentrale von PHANTOM
17 Schlafzimmer, 22 Salons, drei Konzertsäle, ein Hubschrauber-Landeplatz, zwei Spielcasinos, eine TV-Sender-Anstalt mit riesiger Satelliten-Anlage, Wassererlebniswelt, zwei Raketenabschuss-Vorrichtungen, ein U-Boot-Hangar für drei ausgewachsene Atom-U-Boote und ein mittelgroßes Kernkraftwerk für die Stromversorgung sind an Bord – soviel zur Grundausstattung dieser Yacht. Finden wollte ich allerdings das Arbeitszimmer, um mehr über den Besitzer des Schiffes herauszufinden, das war natürlich nicht eingezeichnet! Trotzdem war es für mich absolut kein Problem, das Büro des vermeintlichen Oberbösewichtes zu finden. Nein, gar nicht… Ich ließ mich einfach von den zwei zu groß geratenen, muskelbepackten Bikini-Amazonen, die mich blöderweise auf frischer Tat ertappten, an meinen Spitzohren den Gang entlang schleifen und abführen. Zuvor kugelten Sie mir zum Empfang noch zünftig-stramm meine Schulter aus und begrüßten mich mit den netten Worten: „Hey, Du da … was suchst Du hier?“ „Dich schlachten wir ab, du Schwein!“ Mehr war an freundlicher Kommunikation momentan einfach nicht drin.
Bambi und Klopfer, so nannten sich die Mädels gegenseitig, führten mich über ein kleines Brücklein herüber in eine mächtig große Halle. Unter dem Brücklein tummelten sich allerlei glitschige Kuscheltiere aus der Meereswelt. Das Wasser war zwar derart trüb und sumpfig, dass eigentlich kaum etwas erkennbar war. Doch glücklicherweise konnte sich der kahlköpfige Zigarrenraucher im Chefsessel vor mir samt seiner weißen Perser-Miezekatze auf dem Arm zu einer spontanen Exekution durchringen und so stritten und tummelten sich Piranhas, Muränen und Haie fröhlich um die letzten Fleischbrocken des eben versenkten Opfers.
„Danke Bambi und Klopfer, das habt ihr fein gemacht“ schallen die Lobpreisungen für das aufgespritzte Furien-Duett, während sich meine Sorgenfalten heftige Gedanken darum machten, wer das unfreiwillige Fischfutter wohl war? „War das Bond?“ fragte ich und glaubte meine Solex-Plexus schon versenkt und zerstört im Haifischbecken. „Leider nein!“ miaute mir die Miezekatze zu, „dass wissen Sie doch selbst am besten, schließlich sind Sie doch sein Komplize.“ „Der schnurrende Staubwedel kann sprechen?“ ging ich überrascht auf den auf Hochglanz polierten Glatzkopf zu. Der jedoch blieb abgesehen von ein paar Räusper-Geräuschen still. „Ich bin hier der Chef!“ röhrte die Perserkatze wie ein wilder Tiger in meine Richtung, „er hier reinigt nur mein Katzenklo“. „Werden Sie uns sagen, wo wir Bond finden, Monsieur …?“ „Mein Name ist Kahn, Kamal Kahn!“ lies ich verlauten und freute mich wie ein Schnitzel, wie oft ich diesen Satz heute sagen durfte. „Und nein, ich habe nicht die Absicht, Ihnen den Verbleib von Mister Bond mitzuteilen.“ „Nun Monsieur, da Sie offenbar die sanfte Tour nicht zu schätzen wissen, übergebe ich diese Angelegenheit an unseren Quizmaster.“ „Ah, ein Gewinnspiel, was kann ich denn gewinnen?“ „Ihr Leben, Monsieur Kahn, mit sehr viel Glück Ihr kümmerliches Leben!“ Als Katze sagt sich so ein Satz locker dahin, die hat ja sieben Leben. Als gläubiger Außerirdischer dagegen ist einem klar, man lebt nur zweimal. Mein erstes Leben verwirkte ich blöderweise etwas leichtsinnig bei einem Unfall, als ich versuchte, mich wegen einer blöden Wette mit einem Rasenmäher zu rasieren.
„Beißer“ rief der wandelnde Wollknäuel einen seiner Service-Mitarbeiter herbei, „bringen Sie Monsieur Kahn bitte nach oben in die Praxis von Dr. Kaufmann.“ Dieser Beißer war nun nicht so sehr der Typ Mensch, mit dem man in lauer Sommernacht seinen Martini schütteln möchte und über vergangene Zeiten quatscht. Dabei kann ich nicht mal sagen, ob es an seiner Körpergröße von 2,18 Meter lag, oder an seinen Pranken, mit denen er vermutlich den Suez-Kanal hätte ganz allein bauen können … oder waren es doch die Zähne: jeder einzelne Hauer gut drei Zentimeter lang und aus glänzend geschliffenem Stahl? Nein, ich glaube nichts von alledem, es lag einfach an seinem selten dämlichen Grinsen, dass einem schier die Eingeweide zum brodeln brachte.
Der Stahlgebissträger schmiss mich kurzerhand in einen Aufzug und fuhr mit mir ins 22. Oberdeck in ein Panorama-Appartement am Fuße des Vulkan-Gesteins. Es war die Praxis von Dr. Kaufmann, ein schleimig-freundlicher Zyniker, dessen gönnerhaftes Breitmaulfrosch-Lächeln einem alle Nackenhaare aufstellen lässt – und davon hab ich jede Menge. Beunruhigender als seine Mörder-Visage war eigentlich nur sein kleiner Arztkoffer mit allerlei verschnörkeltem und scharfgeschliffenem Folterwerkzeug – und der Hocker mit ausgeschnittener Sitzfläche, an dem mich Beißer gerade fesselte. „Bonjour Monsieur Kahn, angenehm, Ihre Bekanntschaft zu machen. Kurz zur Vorgehensweise: jetzt haben Sie noch die Option auf einen schnellen, relativ schmerzfreien Tod“ klärt mich Dr. Kaufmann über die Nebenwirkungen seiner Operationsmethoden auf, „alternativ dazu steht Ihnen eine intensive Dauerbehandlung mit dem gesamten Portfolio meines grandiosen handwerklichen Geschicks bevor. Spätestens nach drei Stunden werden Sie sich wünschen, dass Sie tot sind … mit etwas Glück sind Sie dies dann in 12 Stunden!“ „Aber ich dachte, wenn ich Ihnen alles erzähle, lassen Sie mich in Ruhe?!“ äußerte ich langsam nervös werdend meine persönlichen Bedenken gegen die bevorstehenden Maßnahmen. „Erwarten Sie von mir, dass ich rede?“ „Nein Monsieur Kahn! Ich erwarte von Ihnen, dass Sie sterben!“ „Beißer? Danke, Du kannst gehen, ich komme mit Herrn Kahn nun auch alleine zurecht.“
Mit einem mürrischen Grunzen zog sich Beißer beleidigt zurück, vermutlich wollte er sich bei Dr. Kaufmann weiterbilden, doch der lies sich nur ungern auf die Karten respektive Instrumente schauen. Angesichts des eher unattraktiven bevorstehenden Nachmittagsprogramms, welches der Skalpell-Schwinger für mich vorbereitet hatte, begann ich mit der Ausarbeitung eines Fluchtplans. Für ein Menschen-Wesen wäre diese Lage hier natürlich schier aussichtslos gewesen … für einen Außerirdischen in Menschengestalt sieht die Situation nicht viel anders aus.
Zu all der physischen Folter verstand es Dr. Kaufmann exzellent, seinen Zynismus ungezügelt freien Lauf zu lassen: „Monsieur Kahn, ich hätte da noch eine Bestätigung Ihrerseits, dass Sie sich meiner Behandlung absolut freiwillig unterziehen und mich bei eventuellen Nebenwirkungen oder gar Todesfällen keinerlei Schuld trifft. Wenn Sie bitte hier unten unterschreiben würden, ganz lieb!“ „Warum in Elektras Namen sollte ich das unterschreiben?“ Oh, interessante Frage. Nun, es ist eine Win-win-Situation. Ich kann vor Gericht nicht belangt werden und Sie erleben weitere zwei Minuten als vollständiger Mensch – tolle Sache, was?“ „Na gut Sie Sadist, darf ich mit meinem Füller unterschreiben?“ „Aber gerne doch, dass macht Ihr Schreiben vor Gericht ja sogar noch glaubwürdiger, Monsieur Kahn, hier unten rechts bitte.“ Just in dem Moment, als mir Dr. Kaufmann die zu beschriftende Stelle zeigte, rammte ich ihm die – extra fies angeschliffene – Feder meines goldenen Füllers in den Handrücken und bearbeitete ihn mit kraftvoll drehenden Bewegungen, bis er sich schließlich los riss und vor Schmerzen auf dem Boden wand. Nun nahm ich aus dem Füller die Patrone, um mich mit ihrer speziellen Tinte von meinen Stuhlfesseln frei zu ätzen – und um ganz sicher zu gehen, spritzte ich Dr. Kaufmann noch eine Ladung davon in die Augen: „Na wie fühlt sich das an, perverses Folterschwein, und das alles ganz ohne schriftlicher Einwilligung Ihrerseits – was für ein Service! Hah, Hasta la vista Schweinebacke!“
© Andy Ilmberger, fertig gestellt am 007. November 2008
Kapitel 001: Theme – For Your Eyes Only
Kapitel 002: Theme – Moonraker
Kapitel 003: Theme – On Her Majesty’s Secret Service
Kapitel 004: Theme – You Only Live Twice
>>Kapitel 005: Theme – The Man With The Golden Gun






