Andy war mal wieder weltweit unterwegs, um internationale Klischees zu bestätigen oder zu widerlegen. Diese Mal: Wien. Genau! Unter Einsatz meines Lebens und vor allem meiner schlanken Linie wagte ich mich ins Zentrum der Piefke-Hasser und Todesanbeter. Ziel der Mission: Überprüfung des Wiener Cafehaus-Kults, der Qualität der Wiener Schnitzel und des morbiden Todes-Flairs in der Wiener Luft und Gruft.
Zwar streifte ich die österreichische Hauptstadt die letzten Jahrzehnte schon das ein oder andere Mal, so richtig bewusst nahm ich die Donau-Metropole aber erst bei meinem jetzigen Kurzurlaub wahr. Hofburg, Schloss Schönbrunn, Stephansdom, Hundertwasserhaus, Burgtheater, Oper und Rathaus – Wien versteht es exzellent, sich erhaben, mächtig und vielleicht auch ein wenig dekadent, aber stets beeindruckend zu präsentieren. Doch über Wiener Sehenswürdigkeiten zu schwärmen, wäre wie Wasser in die Donau zu tragen, da gab es Tausende von Reisenden und Schreibwilligen lange vor mir. Dem hintergründigen Beobachter zeigt Wien auch noch einen Blick hinter die feudalen Kulissen. In Liedern wie „Ganz Wien“ von Falco Anfang der 80er Jahre schimmert bereits durch, dass Wien durchaus auch eine höchst unschöne Fratze bereithält… vermutlich die typischen Probleme, mit denen andere Weltstädte wie Berlin oder London ebenfalls zu kämpfen haben. Aber selbst wenn man sich von Junkie behausten Bahnhöfen möglichst fernhält, zeigen sich stellenweise Risse in der kaiserlichen Fassade Wiens. Zum Beispiel marode Häuserblöcke in verdreckten Seitengassen, die bereits zu ihrer Erbauung im frühen Industriezeitalter dem langsamen Verfall preisgegeben wurden und in Ihrer Anmut und ihrem Zerfall an die ärgsten Renovierungsdefizite der ehemaligen DDR erinnern. Aber es zwingt einem als Nicht-Wiener ja auch niemand, derartige Viertel aufzusuchen.

Die Innenansicht vom Cafe Central - immer noch Stammgast: der österreichische Schriftsteller Peter Altenberg, + 08. Januar 1919
Wohliger geht es in den zahlreichen Cafehäusern zu. Inmitten der zumeist majestätisch schwerfälligen Möblierung und umgarnt vom unerschütterlichen Charme und typischen Wiener Schmäh der dort servierenden Ober fühlt man sich schnell zurückversetzt in die alten Schwarz/Weiß-Schinken mit Hans Moser und Paul Hörbiger – nur eben in Farbe. Als willkommenen Nebeneffekt lernt hier der Gast, wie Kaffee wirklich schmecken muss. Wer wie ich, seinen Kaffee-Genuss auf Senseo-Maschinen oder der braunen Brühe aus dem firmeninternen Brühautomaten beschränken muss, erfährt hier eine gänzlich neue Erfahrung für die Sinne. Meine Favoriten: Vormittags ein Haferl Melange (so was wie ein österreichischer Cappuccino mit Schlagsahne oben drauf) im Cafe Central und nachmittags ein Glas Pharisäer (auch Fiaker genannt, ein mit Milch verlängerter Brauner mit einem Schuss Rum und Schlagsahne) im Cafe Mozart; dazu ein Stück Kakao-Cremetorte oder eine rassige Gulaschsuppe – einfach himmlisch! Hiermit sehe ich das erste Klischee über Wien aufs Positivste erfüllt.
Wo wir gerade beim Kulinarischen sind, futtern wir uns doch gleich weiter durch bis hin zur Frage: wo gibt es wohl in der Welt das beste Wiener Schnitzel? Wien als Erkenntnis meiner Ermittlungen zu präsentieren ist einerseits so nahe liegend, dass es andererseits schon zu banal und unglaublich klingt – es ist aber so. Unweit vom Steffl (Stephansdom) in der Wollzeile 5 oder Bäckerstraße 6 (1010 Wien) serviert der Familienbetrieb Figlmüller seit 1905 die größten Schnitzel dieses Erdballs. Um an einen dieser panierten Wahnsinns-Fleischfetzen in der 1:1Größe Liechtensteins heranzukommen, nehmen Gäste bis zu über einer Stunde Wartezeit in der Kälte auf sich. Laut Speisekarte tischt der freundliche Ober angeblich noch weitere Wiener Fleischspezialitäten auf. Ich persönlich halte diese Karte jedoch für einen absoluten Bluff. Kein einziger Gast versuchte auch nur ansatzweise dem Servierpersonal zu widersprechen („Sie woll’n bestimmt a Schnitzerl, dazu empfehlen wir Ihnen besonders…“) und auf den Tellern gab es ausschließlich Wiener Schnitzel zu bewundern. Und mit was? Mit Recht! Somit ist auch dieses Vorurteil aufs gründlichste bestätigt: die besten und riesigsten Wiener Schnitzel gibt es tatsächlich in Wien.
Bleibt noch die dritte vorherrschende Meinung über Österreichs Hauptstädter zu bestätigen: des Wieners kokette Verhältnis zum Gevatter Tod. Musiker-Größen wie etwa Ludwig Hirsch, Wolfgang Ambross, Arik Brauer, Erste Allgemeine Verunsicherung oder auch Falco sind mit dem Boandlkramer hörbar auf Du und Du … manche spielen mit ihm sogar bereits Karten … Auch Spielfilme aus der Alpenrepublik zeichnen sich gerne durch herben Biss und eine zünftige Brise schwarzem Humor aus. Aus künstlerischer Sicht klotzt der Wiener also richtiggehend mit Liebeserklärungen an den Sensenmann.
Vermutlich ist dem Wiener aber einfach nur klar, dass er dem Tod nirgends entrinnen kann … schon gar nicht in Wien. Als zum Beispiel anno 1713 die Pest in Wien wütete, ging den Wienern sehr schnell Platz und Zeit für standesgemäße Begräbnisse aus. Deshalb wurden die Pestopfer kurzerhand in die Schächte der Katakomben unterm Stephansdom geworfen. War ein Schacht mit Leichen voll gepfercht, wurde er zugemauert und ein weiterer eröffnet. Doch selbst diese Bestattungsvariante litt bald unter akuter Platznot.
Nun kommen wir zu einer Blog-Idee, die ich rasch wieder verworfen hatte, weil ich keinem ehrbar arbeitenden Menschen zu nahe treten wollte. Für diesen Bericht packe ich diese Idee aber einmalig aus! Achtung, ich präsentiere: die blödesten Jobs, die einem Menschen je widerfahren können! Heute: Knochenschrubber. Als nämlich die Gruften unterm Steffl aus allen Nähten platzten, mussten Strafgefangene die zugemauerten Schächte aufbrechen, danach von den mittlerweile halb verwesten und vor sich hin saftelnden Leichen sämtliche Knochen und Schädel auslösen und penibel reinigen, um sie anschließend feinsäuberlich und Platz sparend wie Holzscheite aufzuschichten. Vermutlich war dieser Job noch nicht mal gut bezahlt. Immerhin 11.000 Wiener fanden auf diese Weise ihre zunächst vorletzte, und nach der Knochenreinigung wohlverdiente letzte Ruhe, denn da liegen … sorry, stapeln sie sich noch heute. Spaziert also ein Wiener übern Stephansplatz, kann er mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass er einem seiner Vorfahren gerade aufs Dach steigt.
So ist es kaum verwunderlich, dass der Wiener zum Tod und allem was mit ihm in Verbindung gebracht wird, ein extrem entspanntes Verhältnis pflegt. Um den Totenkult der Ösis möglichst nah zu spüren, zog ich bei angemessen düsterem Herbstwetter los zum Wiener Zentralfriedhof, übrigens die zweitgrößte Ruhestätte in ganz Europa. Zum einen, um die Atmosphäre und Mystik des so viel besungenen und oft verfilmten Orts nachzuvollziehen. Zum anderen um den Totenkult selbst etwas zu betreiben … so irgendwie zumindest! Allein das Wissen, gerade den gleichen Erboden mit Beethoven, Strauß, Schubert oder Theo Lingen und Hans Moser zu teilen, verleiht durchaus ein erhabenes Gefühl – nur dass ich halt oberhalb des Bodens wandelte und sie unterhalb … oder vielleicht doch nicht? Wer weiß, wer weiß. Mein Hauptziel war aber einer meiner Jugend-Helden, den ich bis heute noch richtig cool finde – er ging out of the dark und dann direkt into the light: Falco! Vor seinem Grab zu stehen hatte fast die Anmut einer Pilgerung nach Graceland zu Elvis Presley – erhaben und doch irgendwie verdammt traurig. Trotz all dem wienerischen Totenkult und dem Wissen, das Falco heute wohl nicht der gefeierte Rockmythos wäre, würde er heute noch leben … ich persönlich wünschte mir, er weilte heute noch unter uns…
Sei’s drum, der Lauf der Zeit und des Schicksals lässt sich nun mal nicht aufhalten. Und wer weiß, vielleicht wartet auf der anderen Seite ja tatsächlich eine bessere Welt. Wenn Religion irgendetwas Gutes hat, dann das Aufrechterhalten dieser Hoffnung. Übrigens, wer sich ebenfalls auf die Suche nach Falco begeben will, hier ein Tipp. Sein Grab befindet sich nicht innerhalb der Ehrengräber unter der Kategorie „Musiker“ in Gruppe 32A, wie man leicht vermuten könnte, sondern im Ehrenhain Gruppe 40 – relativ weit ab vom Schuss und umzingelt von Kriegsopfern jeglicher Art. Gehe gerade auf die zentral gelegene Kirche zu und halte Dich dann immer links. Abgesehen von Falcos Ableben segne ich auch diese allgemein gültige Meinung über die Wiener und deren besondere Beziehung zum Tode als gegeben und höchst faszinierend ab.
Am Ende meiner fünftägigen Reise kann ich sagen: „Wien, Du bist GANZ WIEN“ und zwar im positivsten Sinne. Ich persönlich fühle mich um drei Klischees bestätigter, bestimmt um gut zwei Kilos schwerer (meine Waage und ich reden seit dem nicht mehr miteinander…) und um eine Lieblingsstadt reicher. Baba Wien, bis bald wieder mal auf a Viertele und ein Wiener Schnitzel beim Figlmüller.
© Andy Ilmberger, 12. bis 16. Oktober 2008 in Wien













[...] 2009 von elfenzauber Die Sachertorte gilt als die Königin der Torten und DIE Spezialität der Wiener Mehlspeisen-Küche. Das Rezept kreierte 1832 der damals 16-jährige Küchenlehrling Franz Sacher, [...]