Wie stehst Du zu Klischees? Oder hast Du gar Vorurteile? Zum Beispiel gegen unsere europäischen Nachbarn? Neiiiin, bestimmt nicht. Vorurteile hat man heute nicht mehr, jetzt wo Europa fast komplett vereint ist… Gut, natürlich weiß absolut jeder, dass alle Franzosen am Kopf eine Baskenmütze tragen und spät vormittags Zigaretten-qualmend mit einem Frühstücks-Baguette unterm Arm das nächste Straßen-Cafe aufsuchen um dort 13 Gläser Rotwein zu schlürfen. Auch, dass sämtliche Holländer kiffen, Käse rollen und mit ihren Wohnwägen immer die deutschen Autobahnen verstopfen, weil sie spätestens am Irschenberg spannen, dass ihre Holzclogs zum Fahren total ungeeignet sind, ist kein Geheimnis. Polen klauen außerdem unsere Autos, Italiener poppen alles, was nicht bei Drei von der Vespa hüpft und Engländer sind stets steif, verkrampft und trinken warmes … na ja, nennen wir es mal Bier.
Wie gesagt, das sind keine Vorurteile, sondern schlicht altbekannte Tatsachen – oder nicht? Wir Deutsche kleiden uns ja auch ausschließlich mit Lederhosen und Dirndln, saufen das Bier aus 1-Liter-Krügen, jodeln lautstark beim Orgasmus, sind aber ansonsten eher humorlos. Okay, das ist jetzt das Klischee über Bayern, aber Restdeutschland nimmt das Ausland ohnehin nicht wahr. Noch ein Land vergessen … die Schweiz vielleicht? Die Schweiz kommt mir nur deshalb in den Sinn, weil ich gerade am Züricher Flughafen rumlungere und zwei Stunden auf meinen Anschlussflug nach Monaco warte. Warum ist dies aufschreibenswert? Ist es wahrscheinlich gar nicht … und irgendwie aber doch. Einfach nur deshalb, weil einem die Schweizer vor Augen führen, was es bedeutet, Europäer zu sein und eben nicht Schweizer.
Natürlich weiß man als mittelprächtig gebildeter Europäer: die Schweiz gehört nicht zum Schengener Abkommen und sie zahlen lieber mit Fränkli als mit Euro. Bereits diese zwei Umstände katapultieren unseren alpinen Nachbarstaat bis ans Ende der Welt – nicht geographisch, aber gefühlt. Zwar zahlten wir Deutsche auch lieber mit Mark als mit Euro, weil irgendwie alles nur die Hälfte kostete. Doch egal ob man mittlerweile nach Slowenien, Portugal oder gar Österreich kommt, der Euro gibt einem das Gefühl der Dazugehörigkeit. Der Schweizer Franke am Preisschild bäumt sich hingegen breitbeinig vor mir auf und bleckt nur kurz: „Ätsch, Du gehörst nicht hierher, Du bist kein Schweizer!“
Solche Beleidigungen ziehen bei mir aber nicht mehr. Ich bin mittlerweile gerne Europäer – all den Klischees und Vorurteilen untereinander zum Trotz. Allein schon deshalb, weil man sich innerhalb der Europäischen Grenzen frei bewegen kann, ohne einmal den Ausweis zücken zu müssen. Fliegt man jedoch nach Zürich, wird man sehr wohl kontrolliert – selbst wenn der Flieger quasi vom fast nächstgelegenen Nachbarort wie zum Beispiel München kommt. Doch München ist zwar nah, für Schweizer jedoch nicht nahe genug, weil eben nicht inländisch Schweizerisch – über München könnte hier ja sonst jeder reinspazieren. Fairer Weise muss man dazusagen, dass der Mensch hinter mir einen eher nahost-asiatischen Eindruck macht und mit seiner (man verzeihe mir diesen Vergleich) Zuhälter-Visage nicht mehr zwangsläufig vertraut mitteleuropäisch wirkt. Allerdings bin ich mir nicht sicher, wem der Schweizer Grenzbeamte bei der Kontrolle generell mehr misstraut: mir als vermeintlich Deutschem oder unserem exotischen Freund aus Nahost – ich fürchte, ich weiß die Antwort.
Doch egal, ob Euro oder Fränkli, leisten kann man sich hier am Züricher Flughafen eh nix. Vielleicht einen Burger beim Burger-King, der wäre noch ohne Gewissensbisse drin gewesen. Doch bereits bei der Toblerone Gaumenspalter-Schokolade wundert man sich über das ungewöhnlich exklusive Preisgefüge und fühlt sich animiert zu einem Preisvergleich mit dem heimischen Supermarkt. Da wir gerade über Schokolade plauschen, betreiben wir nun doch noch etwas Klischeepflege über die Schweizer. Erstens darf man über die Schweiz ruhig Vorurteile haben, da sie ja nicht zur EU gehört. Und Zweitens schüren die Eidgenossen in der Einkaufsmeile am Züricher Flughafen alle Klischees, die man über die Schweiz haben könnte, exzellent selbst.
Vier Grundsäulen der alpenrepublikanischen Marktwirtschaft machen die Schweizer scheinbar resistent gegen sämtliche europäischen Annäherungsversuche – und hier in den Züricher Flughallen feiern sie sich alle ganz narzisstisch.
Die erste Säule bilden Uhren … Uhren, Uhren und noch mal Uhren. Wahrscheinlich besteht hier am Züricher Flughafen sogar die höchste Uhrendichte weltweit – zumindest was echte Uhren angeht. In der Türkei vor zwei Jahren war die Uhrendichte pro Quadratmeter noch höher. Allerdings waren die Zeitanzeiger durch die Bank gefälscht. Dafür zahlte man für eine Automatik nur 35 Euro … hier kosten sie im Schnitt 3.500 Franken.
Der vierstellige Fränkli-Betrag führt uns dann auch schon zur zweiten Marktwirtschaftssäule der Schweiz: Geld! Zwar sind Flughäfen per se kein Paradies für Billigheimer, aber in Zürich legt man scheinbar zusätzlich größten Wert auf teure Nobelmarken von Weltruf. Der Swatch-Laden sticht da schon fast unangenehm heraus, wahrscheinlich besitzen Schweizer Uhrenmarken einen gewissen Toleranzbonus. Harmonischer gliedern sich die Läden etwa von Porsche oder Bulgari ins Gesamtbild der Einkaufsmeile ein.
Dritte und süßeste Säule ist die Schokolade. Die Schweizer wissen genau, was sie an ihr haben und zelebrieren auf zwei großen Ständen von Sprüngli und Lindt, wie man mit weichen Naschereien harte Kohle macht. Hier gibt’s keine Supermarkt-Schoggi zu kaufen, auch Toblerone kriegst Du hier nur im Duty-Free-Shop – wenngleich teurer als in good old Germany.
Letzte und in Deutschland vielleicht bekannteste Säule sind die Schweizer Taschenmesser – genau, die roten Hosensackverformer mit aufgedrucktem Schweizer Kreuz. Der Hersteller dieser Mini-Werkzeugkoffer heißt übrigens nicht „Schweizer Taschenmesserschmiede“ wie man leicht annehmen könnte, sondern Victorinox. Beim ersten Blickkontakt stürze ich mich auf den Laden, in Erwartung, gleich das weltgrößte Taschenmesser-Portfolio zu sichten. Umso größer trifft mich die Enttäuschung darüber, was der äußerst asiatisch wirkende Verkäufer tatsächlich in seiner Theke hatte: Uhren, schon wieder Uhren!
Keine Ahnung, wie viel man auf die diversen Klischees wirklich geben darf. Vermutlich rühren die meisten Beschreibungen aus dem letzten Jahrtausend. Zumindest die Schweiz frischte jedoch alle meine Vorurteile innerhalb zwei Stunden komplett wieder auf – aber es sind ja zum Glück keine Schlimmen.
Übrigens sehe ich derzeit auch bei uns allerorts zünftige Manderl und Weiberl in Lederhosen und Dirndln. Sie trinken Bier aus 1-Liter-Krügen und jodeln … auch ohne Orgasmus. Mag daran liegen, dass in München grad die Wies’n tobt, doch genau da inspizieren uns die ausländischen Gäste. Hey, und warum auch nicht. Zumindest nehmen sie gleich noch eine weitere Erkenntnis mit nach Hause: wir Deutsche sind nämlich gar nicht so humorlos! Stimmt’s?
Bis bald, Euer Andy.
Dienstag, 23.09.2008, Flug von München nach Monaco – mit zwei Stunden Zwischenlandung in Zürich.












Ja Mensch, der Andy am Zürcher Flughafen und der Schroeder weiß wieder von nix. Aber danke für die Erzählung, so macht Lektüre Spaß.
Am Flughafen, wie auch sonst überall in Zürich kannst Du schon mit Euro bezahlen, alles, auch wenn’s in Fränklis ausgepreist ist. Darfst halt nicht nach dem Wechselkurs fragen.
Die Banken fehlen etwas hinterm Zoll, Marktlücke, quasi. Auch.
Hallo Mark, Danke für Deinen Kommentar und Merci für die Blumen.
Ich hab übrigens schon gesehen, dass sie Euro nehmen würden. Euro-Angaben waren aber, wenn überhaupt, nur im Kleingedruckten zu finden und wie Du schon sagtest, zu einem exklusiven Wechselkurs. Ich hoffe, wenn ich wieder Mal in Zürich aufkreuze, dass Du dann was davon weißt und ich a bisserl mehr von Zürich sehe als nur den Flughafen.